Die Prüfung aus dem Würfelbuch

Der Impuls der Blognacht 71 bringt mich – wie so oft – ins Grübeln. Beim Impuls „Dieser Weg war nicht glanzvoll aber wertvoll“ muss ich an eine Geschichte aus einem vergessenen Würfelbuch denken.

Ich habe vor ein paar Wochen einen Sonntagnachmittag damit verdaddelt, die Bibliographie von Christine Nöstlinger zu durchsuchen. Ja, das dauert, denn Christine Nöstlinger hat über 140 Bücher veröffentlicht und es gibt eine sehr schön gemachte Webseite mit allen Titeln.

Irgendwas ist immer. Das eine Buch, das ich gesucht habe, war natürlich nicht aufzufinden. Es handelte sich um ein Würfel-Buch und ich bin mir recht sicher, dass es von Christine Nöstlinger war.

Wer ist jetzt Christine Nöstlinger? Was ist ein Würfelbuch und was hat das mit dem Blognachtimpuls „dieser Weg war nicht glanzvoll, aber wertvoll“ zu tun? Mein Weg um alles zu verbinden, ist heute etwas holprig, aber ich nehme dich mit.

Die Geschichte handelt vom Aufstieg eines Arbeiterkindes, genauer einer jungen Frau, die ihren Weg in Studium und Traumjob sucht. Natürlich hatte ich es in der Bücherei ausgeliehen. Es stand im Taschenbuchständer vorne am Eingang. Höchstwahrscheinlich aus der Rotfuchs-Reihe des Rowohlt Verlags, ein älteres, abgegriffenes Exemplar.

Viele Wege zum gleichen Ergebnis

Ich bin ein Xellenial, also irgendwas zwischen Millenial und Generation X. Deswegen weiß ich noch grob, wie so ein Spiele- oder Würfelbuch funktioniert.

Falls du das Prinzip nicht kennst, ein Würfelbuch ist ein Buch, bei dem du den Ablauf der Geschichte mit einem Würfel auswürfelst. Dafür sind auf jeder Seite zusätzlich zu den Seitenzahlen auch Würfel-Augen abgebildet. Am Anfang des Buchs gibt es ein paar Regeln, auf welche Seite oder zu welchem Absatz du mit welcher Punktzahl blättern kannst. Also, je nachdem, welche Zahl du würfelst, blätterst du bis zu einer bestimmten Stelle weiter und die Geschichte setzt sich fort.

Die Geschichte an sich bleibt dieselbe – wobei, manchmal gab es auch mal eine Überraschung – aber die Reihenfolge verändert sich durch das Zufallselement mit dem Würfel.

Wenn du zu den Personen gehörst, die zuerst die letzte Seite eines Buchs lesen (ganz generell: why?!), ist dieses Würfel-Format besonders nervig, denn da ist das Ende eben gerade nicht auf der letzten Seite, sondern etwas versteckt.

Klar kann man bei Würfelbüchern auch schummeln, also einfach von Anfang bis Ende lesen, oder nicht würfeln und einfach so blättern, wie man Bock hat. Aber bei Spielbüchern gilt das, was mir alle meine meine Sportlehrer immer gesagt haben: „Man muss sich auch mal auf was einlassen können.“ … naja, im Sportunterricht hab ich drauf gepfiffen.

Über Arbeiterkinder in Österreich

Christine Nöstlinger hat Kinder- und Jugendbücher geschrieben, die mich geprägt haben: Wir pfeiffen auf den Gurkenkönig, Konrad aus der Dose, die Gretchen Sackmeier Trilogie, Nagle einen Pudding an die Wand. Auch als ich schon längst keine Jugendbücher mehr gelesen habe, hat sie weitergeschrieben und geschrieben und geschrieben. Außerdem sehe ich Christine Nöstlinger in einer Tradition der surrealen Erzählungen aus Österreich, ich denke da an „die Wand“ von Marlen Haushofer. Wenn ich heute so lese, find ich auch, dass Stefanie Sargnagel sich da auch gut einreihen lässt.

Nöstlingers Bücher waren witzig und hatten oft ein Deutsch-Österreichisch-Glossar im Anhang. Häufig kamen die Protagonist*innen aus einfachen Verhältnissen in Wien. Das passt inhaltlich gut zum gesuchten Würfelbuch. Es geht ja darum, wie sich junge Leute weiterentwickeln, um den Aufstieg aus dem Arbeitermillieu und auch um den klaren Feminismus der 80er Jahre.

Aber ob dieses oben angeteaserte Buch von Christine Nöstlinger ist? Vielleicht wurde es auch nur von ihrer Tochter illustriert? Keine Ahnung.

Sekt aus dem Reagenzglas trinken

Zurück zum Buch und zum Impuls. Das besagte Spielbuch überließ natürlich nichts dem Zufall. Die Heldin kommt aus der Arbeiterschicht und möchte Chemie studieren. Wie schafft sie das? Gute Noten – klar, wenn die Würfel das sagen. Gute Chancen auf einen Studienplatz – auch das, wenn die Punktzahl stimmt. Mir ging es sogar so, dass ich Glück im Spiel hatte und mich fix bis zur Feier des Studieneinstiegs gewürfelt hatte. Ein glanzvoller Weg, könnte man meinen.

Doch dann wurde meine Heldin ausgebremst. Bei der Zeremonie für die Neuanfänger müssen alle Studierenden Sekt aus einem Reagenzglas trinken, das eben noch mit Säure gefüllt und nur gut mit Wasser ausgespült wurde. Diese harte Prüfung bestehen aber nur diejenigen, die vorher die Ausbildung zur Chemikantin mitgemacht haben. Die sind nämlich erfahren und abgehärtet. Wenn das (wie in meinem Fall) fehlt, heißt es zurück zum Start und alles nochmal von vorn.

Und weil es noch kein Internet und einen Haufen Langeweile gab, hab ich es also nochmal von Anfang an durchgespielt. Mit Ausbildung und (erinnere ich mich da richtig?) schmierigen Chefs, denen es auszuweichen gilt.

Manche Wege sind nicht glanzvoll, aber wertvoll

Heute denke ich noch oft an dieses Buch und die kleine Fallen, die der Heldin gestellt wurden. Die Rückschläge, die darin mit voller Absicht eingearbeitet waren. Ich denke vor allem dann an dieses Buch, wenn ich eine Extrarunde drehen muss, um im beruflichen Kontext Erfolge zu erzielen. Wenn mein Selbstbild nicht mit dem Fremdbild übereinstimmt, das mir gespiegelt wird.

Ich möchte etwas erreichen, aber die Geduld fehlt, die es braucht, um sich zu etablieren. Oder ich bin strategisch nicht gut aufgestellt, um die richtigen Knöpfe zu drücken oder Fäden zu ziehen. Zu selbstbewusst, zu kritisch, nehme den Job oder die Chefs nicht ernst genug, zu unabhängig, zu schnell, zu direkt, zu streng … nicht lieb genug, nicht charmant, nicht easy going und auch nicht karriereorientiert genug.

Die Prüfung mit dem Reagenzglas aus dem Buch ist eine Machtdemonstration. Gleichzeitig ist sie auch völliger Quatsch, Willkür, sagt gar nichts über die Eignung fürs Studium oder die Karriere aus. Also was soll’s? Mach ich halt nochmal anders, nochmal neu oder von vorn.

Dieser Beitrag ist in Annas Blognacht entstanden. Die Umstände sind holprig, genau wie meine Internetverbindung heute. Aber der Text ist schonmal da, die Überarbeit und kommt später.

Kommentare

4 Kommentare zu „Die Prüfung aus dem Würfelbuch“

  1. Natürlich kenne ich Christine Nöstlinger! „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ war bei uns Lektüre im Deutschunterricht. Dass sie auch Würfelbücher gemacht hat, wusste ich gar nicht. Das ist dann ja sowas wie D&D! Man lernt doch immer noch was dazu in Annas Blognacht. 😉

    1. Astrid

      Mit dem Würfelbuch bin ich mir ja leider nicht so sicher, ich habe es bisher noch nicht wiedergefunden. Neulich in der Bahnhofsbuchhandlung Saarbrücken sagte mit der Verkäufer „ Manchmal finden uns die Bücher“ – war mit diesem Spielbuch wahrscheinlich auch so.

  2. Was für eine gute Idee, so ein Würfelbuch in das Thema der Blognacht zu bringen! Christine Nöstlinger kenne ich nur mit ihren Geschichten vom Franz, was dem Bub und mir damals aber gut gefiel.
    Ein Würfelbuch hatte ich tatsächlich auch, es war ein Abenteuer durch einen Zauberberg, wo man den richtigen Weg finden, gegen Trolle und Hexen kämpfen und die richtigen Entscheidungen treffen sollte. Gehste links oder rechts, kämpfen oder weglaufen, Truhe öffnen oder liegenlassen. Das Buch hat mir sehr imponiert, tausend Wege, Ziel oft verfehlt.
    Das Thema passt super zu so einem Würfelbuch!
    Und Xellenial ist auch ein geniales Wort!

    Sabine aus dem Mausloch, Gen X

    1. Astrid

      Ich glaube, meine Tante hatte damals auch das Zauberbergbuch 🙂

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