Tanz dein Vorbild

Im Butoh-Tanz gibt es eine spezielle Art, sich Bildern und Objekten durch Bewegung zu nähern. Auch anderen Tänzern nähere ich mich durch Nachspüren und Spiegeln.

Vor wenigen Jahren habe ich angefangen, Butoh zu tanzen. Der Tanz der Finsternis, ein Schattentanz, ein Zombietanz. In der Volkshochschule. Denn im VHS-Programm stand, dass man im Butoh das Meer tanzen könne oder einen Felsen. Mein Gedanke: Ein Stein sein kann ich. Direkt angemeldet.

Zum Butoh, wie es meine Lehrerin praktiziert, gehören verschiedene Aufwärmübungen. Mit Chi Gong Verbindungen im ganzen Körper spüren, sich verwurzeln, Energie sammeln. Den Körper aufwärmen, Töne produzieren, mal meckernd mal röhrend. Bewegungen durch den ganzen Körper fließen lassen. In Kontakt mit den anderen Tanzenden kommen. Grimassen. Bewegungen nachspüren.

Das Tanzen beginnt mit dem Butoh-Walk. Ich habe einen Wald im Mund. Meine Augen sind Glaskugeln. Das Gewicht verlagere ich langsam von einem Fuß auf den anderen, langsam und konzentriert. Wie auf einer Spiegelfläche.

Meine Lehrerin und ihre Lehrerin

Meine Lehrerin beobachtet genau. Sie hat die Fähigkeit, zu sehen, wenn etwas mit dem Walk nicht stimmt. Und sie findet immer das richtige Bild, um die Bewegung zu korrigieren: Sei eine Seerose, die auf dem Wasser gleitet, aber eine Wurzel tief unter Wasser hat. Du trägst eine große runde Kugel, die sich dir entgegen dreht. Alles, was du im Tanz erlebst fließt von dir runter, wie Wasser von einem schweren, langen Mantel.

Die Lehrerin meiner Lehrerin sagt ins Butoh kommt man am leichtesten in drei Schritten: Schwingen, Schütteln, Flirting. Sie ist klar in allem. In der Sprache, in der Bewegung. Sie filmt mit. Meine Lehrerin ist ganz Schülerin.

Im aktuellen Kurs tanzen wir mit Objekten im Raum. Ein Ball, ein Springseil, ein Tuch oder eine Plastikspirale. Ein großes Stück Packpapier. Wie verhalte ich mich zu meinem Objekt? Welche Bewegung steckt darin? Welche Spannung? Ist da eine Geschichte? Das ist Flirting. Sich mit einem Objekt verbinden.

Zombies, Zerrspiegel, Schatten

Im Butoh tanze ich nach Vorbildern. Das kann ein Butoh-Fu, also eine surreale Bilderwelt, sein. Szenen von Auflösung und Neubeginn und erneuter Auflösung. Oder – beim Flirting – mit Gegenständen. Kann ich flattern und rascheln? Kann das Papier mein Kimono sein? Wie tanze ich eine Textur, die schon zusammengeknüllt und wieder glattgestrichen wurde?

Mein Tanz kann Spiegelung von etwas sein, dass im Raum passiert. Die Rhythmik fließt durch alle Tänzer:innen. Die Dynamik färbt ab. In den Kontaktübungen spiegele ich die Töne und Grimassen meines Gegenübers. Der Blick ist weitgestellt. Ich folge den Schatten und dem Zerrbild aus dem Augenwinkel.

Mein Körper baut etwas aus diesen Impulsen. Dabei entsteht etwas Neues. Ein Schatten in der Dunkelheit. Etwas einzigartiges.


In der Blognacht im Juli 2026 lautet der Impuls „Vorbilder“. Mir ist da zuerst das Verhältnis meiner Butoh-Lehrerin zu ihrer Butoh-Lehrerin eingefallen … und auf einmal habe ich lauter Spiegelbilder und Scherenschnitte im Butoh-Tanz gefunden.


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