Ausgehwählt hatte ich „Numakage Public Pool“, weil mich die poolblauen Wasserrutschenaufnahmen angesprochen haben und ich wurde nicht enttäuscht. Beim Q&A mit dem Regisseur ging es dann um Dritte Orte und historisches Baden.
Nippon Connection 2026 – Dokumentation
In Saitama gibt es seit den 50er Jahren ein großes Spaßbad: Numakage. Da Saitama nicht am Meer liegt, sollten Familien im Sommer dennoch Badespaß erleben können. Daher wurde dieses Bad errichtet mit Wasserrutschen und verschiedenen Sport- und Spaßbereichen. Das Bad ist gepflegt und sehr gut besucht.
Doch Saitama ist in den letzten Jahren extrem gewachsen, da die Stadt nur 40 Minuten von Tokyo entfernt ist. Für ein neues Bauprojekt – eine Grundschule – soll das Schwimmbad nun abgerissen werden. Mit der Ankündigung der Schließung – nur wenige Wochen vor dem Abrisstermin – beginnt der Film und zeigt die fünf Stufen der Trauer um diesen Ort.
Schwimmen im Mondlicht und Mr. Waterslide
Der Film begleitet die letzte Sommersaison des Schwimmbads: Es ist von Anfang an klar, dass der Abriss unausweichlich ist. Die Fragestunde im Stadtparlament kann nichts daran ändern und auch keine Unterschriftensammlung.
Die Anwohner sind enttäuscht und bestürzt, dass das Bad sang- und klanglos verschwinden soll. Ein Kunstprojekt ruft dazu auf, dem Numakage Public Pool einen Brief zu schreiben. Kinder bedanken sich dafür, dass sie dort schwimmen gelernt haben und jeden Sommer herkommen konnten.
Währenddessen läuft der Sommerbetrieb weiter. Die Morgenappelle der Servicekräfte und der Rettungsschwimmer werden gezeigt. Die Damen-Schwimmgruppe, die sich immer Abends zum Bahnenschwimmen trifft, erzählt, was für ein besonderes Erlebnis es ist, wenn der Mond durch das Glasdach aufs Wasser scheint. Wir sehen die Wasserrutsche und den Rekord um Schnell- und Weitrutschen von Mr. Waterslide und hören Gespräche mit Besuchern und dem Ehepaar, dass den Schwimbadshop betreibt.
Außerdem wird ein offenes Geheimnis gelüftet, denn Numakage ist auch der subtile Schwulentreffpunkt der Stadt.
Erweiterte Dokumentation – Shades of Reality
Dieser Film ist eine besondere Dokumentation und lief im Nippon Connection Programm als Teil von „Shades of Reality“. Neben wirklichen Dokumentaraufnahmen, werden nämlich auch gestellte Szenen gezeigt.
Der Regisseur nennt das „erweiterte“ Dokumentation. Wenn sich zum Beispiel wie von Geisterhand die Spinde öffnen und schließen. Und – im Spiel – ausprobiert wird, wie es wohl wäre, der eigenen Mutter den schwulen Partner vorzustellen?
Das Schwimmbad wird in wunderschönen letzten Aufnahmen gezeigt. Shingo OTA hat damit die Gleichzeitigkeit der unbeschwerten Sommerzeit und die gemeinsame Trauer um den Verlust dieses Ortes festgehalten. Der Film zeigt Numakage aus ganz vielen Perspektiven und erzählt über die Gemeinschaft, die dieses Schwimmbad gestiftet hat.


Die Frage nach den dritten Orten
Die anschließenden Fragerunde mit Regisseur Shingo OTA und der Produzentin Kyoko TAKEANAKA war für mich ein Highlight des Festivals.
Die beiden haben das Gezeigte nochmals klarer eingeordnet. Zum Beispiel hat Kyoko TAKENAKA erklärt, dass es in der Gegend auch noch andere Spaßbäder gibt, aber Numakage von der Stadt betrieben wird und der Eintritt nur etwa einen Euro kostet. In den 50ern wurden viele solcher Bäder gebaut. Nun werden sie nach und nach geschlossen. Übrigens ist die Schließung von öffentlichen Bädern auch in Deutschland ein Thema. So hat die DLRG zur Kampagne „Retten wir die Bäder!“ aufgerufen.
Shingo OTA hat in beim Q and A erzählt, dass der Antrieb für seine Dokumentationen der Selbstmord eines engen Freundes war und er sich in allen seinen Filmen die Frage stellt, ob dieser Selbstmord hätte verhindert werden können. OTA geht davon aus, dass Dritte Orte es allen ermöglichen, Gemeinschaft zu erleben und sich weniger ausgeschlossen zu fühlen. In seiner nächsten Dokumentation wird er sich mit dem Verschwinden der öffentlichen Badehäuser in Japan beschäftigen.
Der Film war für mich wohl der Lieblingsfilm der Nippon Connection 2026 und ich würde ihn mir jederzeit wieder anschauen. Gesehen habe ich ihn im Mal Seh’n Kino im Frankfurter Nordend – auch so ein Dritter Ort.
Dokumentarfilm: Numakage Public Pool von Shingo OTA, 80 Minuten. Nach der Vorstellung gab es ein Q&A mit dem Regisseur und der Produzentin Kyoko TAKEANAKA.

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