Der Eröffnungsfilm der Nippon Connection 2026 war ein echter Knaller. Ich habe bisher noch nie so intensive Gefühle (lauter Streit, hemmungsloses Geheule) in einem japanischen Film gesehen. Liebevoll gestaltet und spannend erzählt ist „Fujiko“ ein Top-Start ins Nippon Connection Festival 2026!
Vor Beginn des Films wurde der Regisseur, Taichi KIMURA, kurz auf die Bühne gebeten, um sich und den Film anzukündigen. „Fujiko“ ist sein zweiter Langfilm, darin erzählt er die Geschichte seiner Mutter Fujiko und seiner älteren Schwester Mari.
Die Story spielt Ende der 70er Jahre und zeigt die junge Mutter Fujiko in einer prekären Situation. Die Familie ihres Mannes erwartet, dass sie als neues Mitglied der Familie in der industriellen Wäscherei aushilft, in der alle angestellt sind. Auch kurz nach der Geburt ihrer Tochter. Ihr Baby Mari soll sie währenddessen unbeaufsichtig in der Wäscherei lassen. Fujiko wehrt sich dagegen und nach einem Eklat zwischen ihren Eltern und den Eltern ihres Mannes, wird eine Scheidung beschlossen.
Alleinerziehend im Japan der 1970er? Undenkbar!
Fujikos Eltern sind nach der Scheidung zwar bereit, ihre Tochter wieder zuhause aufzunehmen, aber nicht ihre Enkelin. Mari soll in der Familie des Vaters bleiben, auch um Unterhalt von Fujikos Eltern abzupressen. Als eine Freundin Fujiko zu einer Frauenrechtsdemo mitnimmt, findet sie den Mut, sich ihre Tochter zurückzuholen. Doch zu ihren Eltern kann Fujiko nicht zurückkehren.
Der Film erzählt, wie Fujiko gegen alle Wiederstände ein eigenes Leben allein mit ihrer Tochter aufbaut. Kraft zieht sie dabei aus Freundschaften und richtig lauter Rockmusik.
Ein Kind alleine großzuziehen ist Ende der 70er Jahre in Japan schlicht nicht vorgesehen. Es gibt keine finanzielle Unterstützung für alleinerziehende Frauen und auch keine HIlfe, eine Betreuung zu finden. Eigentlich eine unlösbare Zwickmühle. Doch Fujiko will es dennoch schaffen. Ein paar glückliche Zufälle, verrückte Jobs (als Köchin in einer illegalen Patchinko-Bude), neue und alte Freundschaften und der eiserne Wille von Fujiko machen das Unmögliche möglich.
Optimistisch und ästhetisch, aber nicht verklärt
Fujiko ist ein Film voller Optimismus und zeigt – das hat mir besonders gut gefallen – beinahe alle Figuren mit mehreren Fascetten. Fujikos Eltern, die ihre Tochter durchaus unterstützen wollen, aber ihren Willen zur Unabhängigkeit nicht verstehen oder ihre Chefin im Café, die ihr eine Wohnung verschafft und sie Extraschichten arbeiten lässt. Sogar Fujikos Exmann wandelt sich im Laufe des Films.
Doch der Film verschweigt nicht, dass Fujiko als unverheiratete Frau gesellschaftlich abgewertet wird, obgleich sie im Job Bestleistungen vorzuweisen hat und sich gut um ihr Kind kümmert.
Bleibt noch, die Gestaltung des Films zu erwähnen: Das Interieur der 70er Jahre ist mit ganz viel Liebe zum Detail nachgestellt worden: Kleidung, Wohnungen, Alltagsgegenstände, es ist wirklich eine Freunde fürs Auge. Neben der eigentlichen Geschichte geht es immer wieder um Musik und auch dabei werden wunderschöne alte Schallplattenspieler, Kassettenrecorder und Walkmen (der Inbegriff von Unabhängigkeit) herrlich in Szene gesetzt. Das passt übrigens zu einem Vortrag den ich bei der Nippon Connection 2025 gehört habe.
Die hohe Qualität der Bilder wundert mich nicht, da KIMURA unter anderem Musikvideos und Werbeclips für Nike, Adidas und Uniqlo gedreht hat.
Fazit: Sollte sich die Gelegenheit ergeben, diesen Film nochmal zu sehen, würde ich es direkt wieder tun.
Film: FUJIKO von Taichi KIMURA Japan 2026, 95 Minuten. Eröffnungsfilm des Nippon Connection Filmfestivals am 2. Juni 2026 im Künster*innenhaus Mousonturm in Frankfurt am Main.

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