Pokerface ist für Anfänger

Ein Text darüber, warum Butoh mein Verständnis von Tanz verändert hat und darüber, warum mein Gesicht nichts mehr verschweigt.

Als ich als Kind in der Rhythmischen Sportgymnastik war, habe ich gelernt, dass die Knie im Stand immer ganz durchgedrückt bleiben müssen. Auch der Rücken. Nur das Handgelenk, das das Band führt, soll geschmeidig bleiben.

Der Zeigefinger liegt immer auf dem Stab. Der Blick folgt immer dem Ball, wenn er in die Luft geworfen wird (Finger strecken – Zehenspitzen – denk an deine Knie! – Arm abspreizen).

Gesprochen wurde nicht im Wettkampf. Kein Mucks. Zum Abschluss noch ein großes Lächeln für die Jury.

Lange dachte ich, beim Tanz ginge es um Anmut, Eleganz und Grazie. Die Bewegung exakt im Takt der Musik, alle Gliedmaßen kontrolliert und sportlich, der Gesichtsausdruck entweder neutral oder ein geheimnisvolles Lächeln – ohne die Zähne zu zeigen, versteht sich.

Anfängerfehler.

Im Butoh darf ich das alles verlernen.

Butoh ist der Tanz der Finsternis. Reiner Ausdruck, ohne Musik. Getanzt wird ein inneres Bild, dass durch hohe Konzentration entsteht. Butoh ist kreativ, es ist Denken mit dem Körper.

Dabei ist Durchlässigkeit die Basis. Das Skelett lässt zu, dass Bewegungen durch den Körper fließen. Dazu ist die Wirbelsäule locker aufeinander gestapelt. Kreuzbein, Brustbein, Schulterblätter und Kiefer hängen locker und sind durchlässig. Füße, Knie und Ellbogen bleiben elastisch.

Es geht nicht um Schönheit. Auch Technik spielt keine Rolle. Im Zentrum steht der reine Ausdruck. Der darf häßlich sein und unvollkommen.

Im Butoh bleibe ich auch nicht still. Ich töne zu den Bewegungen. Dafür gibt es besondere Aufwärmübungen. Schnalzen, Kopf-, Brust- und Bauchstimme ansteuern.

Manchmal kommt der Ton über den Atem, ein Seufzen, dass sich zu einem Meckern oder Keckern steigert. Manchmal auch ein lautes HA!

Still sein ist was für Anfänger.

Pokerface auch für Anfänger. Im Butoh tanzt auch das Gesicht. Es grimassiert und folgt dem inneren Impuls.Es verzieht die Nase und legt die Stirn in tausend Falten. Reißt die Augen auf.

Fletscht Zähne.


Durch Butoh habe ich mein Pokerface verloren. Einfach so kann jeder alles sehen, was ich denke. Ich bin wohl nie wieder leise.

Auch kann ich inzwischen sehr viel besser Körpersprache lesen. Aber das mit den durchgedrückten Knien muss ich mir immer wieder aufs Neue ausreden.


Dieser Text ist in der 73. Blognacht entstanden. Der Impuls lautete „Still sein ist was für Anfänger“. Einer der vielen gestrichenen Sätze lautete übrigens „Du redest nur, wenn du etwas gefragt wirst!“ aber dahin wollte ich gedanklich doch nicht gehen. Ein weiterer Text über Butoh.


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