Ich schreibe (k)ein Buch, weil …

Im Vordergrund steht ein schräg nach hinten gekipptes Bücherregal auf alten Speichenrädern. Dahinter moderne, weiße und beleuchtete Regale mit vielen Büchern.

Dieser Text ist mein Beitrag zur Blogparade von Stephanie alias kleiner Komet. Ich schreibe darüber, was mich abhält ein Buch zu schreiben – schreiben zu wollen. Außerdem darüber, welche Geschichten mir einfallen und was für ein Buch ich gerne schreiben würde. Aber nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich schreib keins.

Ich hatte nie vor, ein Buch zu schreiben. Dabei habe Literatur studiert. Mein erster richtiger Job nach dem Studium war in einem Sachbuchverlag. Angefangen habe ich stundenweise am Empfang, dann fest am Empfang und dann als Assistentin des Verlegers und Geschäftsführers.

„Kann es sein, dass du im Verlag arbeiten möchtest, um von Büchern umgeben zu sein?“

Das hat mich der Verleger damals beim Einstellungsgespräch gefragt. Ich hab ehrlich geantwortet, nicht gerade clever in einer Gehaltsverhandlung. Geblieben bin ich sieben Jahre.

Ich habe gelernt, wie Bücher entstehen. Ungefragte Manuskripteinsendungen. Angebote von Literaturagenten. Wissenschaftliche Veröffentlichungen als Book on Demand. Anbahnung von Buchprojekten mit Unternehmen oder Trainern. Dass Lektorat vor allem Projektmanagement ist. Aber eben auch Arbeit mit Autor:innen und am Buch selbst. Überhaupt was Herstellung bedeutet. Wie Buchverträge aussehen. Wie Bücher in den Buchhandel und zu Amazon kommen und in die Medien. Buchmessetermine und -Parties.

Das verräterische Bücherregal

Ich arbeite seit zehn Jahren nicht mehr im Verlag. Ich liebe Bücher immer noch. Selbst ein Buch schreiben? Ich doch nicht.

Bei Working Out Loud hatte ich das Ziel, mein Blog mit Leben und Geschichten zu füllen. Hier auf dem Blog schreibe ich über mich, über den Alltag im Büro und in der Stadt. Ich schreib auf, was ich gelernt habe und gebe gerne Tipps. Aus dem WOL-Umkreis kam gleich die Idee: „Du kannst dich mit XY vernetzten, der hat sogar ein eigenes Buch geschrieben“.

Doch das hat in mir Widerstand geweckt: Wieso schreibt der einfach ein Buch? Im Selbstverlag? Weiß er nicht, was er verpasst? Dass ein Buch zu schreiben eine ernsthafte Angelegenheit ist? Dass es Profis dafür gibt?

Mein Gefühl dazu ist immer noch eine trotzige Mischung aus „Ich könnte es sowieso besser“ und „Für den echten Literaturbetrieb würde es bei mir nicht reichen.“

Fühlt sich so vielleicht Selbstsabotage an? Zum Glück will ich ja gar kein Buch schreiben.

Klar, in meinem Bücherregal steht „Lesen, Schreiben, Atmen“ von Doris Dörrie neben „Die Geschichten in uns“ von Benedikt Wels. Bisher unbeachtet wartet auch die Duden-Reihe „Spannend schreiben“ und „Schreiben für Film und Serien“. Einen Krimi schreiben? Ein Drehbuch?

Die Geschichten in mir

Ich schreib ja kein Buch, aber manchmal fliegen mir einfach Geschichten zu. Keine echten Geschichten, sondern reine Fiktion. Sowas hab ich auf dem Blog noch nie veröffentlicht.

Ich saß als Studentin in Wien im Café – nicht im schicken Caféhaus, sondern bei Aida um die Ecke – und hab eine Kurzgeschichte geschrieben. Wie die Rentner im Gemeindebau einen Trickbetrüger um die Ecke bringen, einfach indem sie ihm immer wieder mit Sahnetorte und Marillenlikör „verwöhnen“, bis zum plötzlichen Herzinfarkt.

Ich fuhr mit dem Rad an einem Sommertag von Oberrad ins Nordend unter eine Eisenbahnbrücke durch und dann war da dieses Wort in meinem Kopf: Brautsalat. Und dazu eine Geschichte. Eine romantische ZDF-Verwechslungskomödie. Natürlich in Frankfurt. Natürlich finden sich am Ende eine gestresste Bankerin und der Besitzer eines kleinen Falafel-Restaurants zusammen.

Im Schreibworkshop von Doris Dörrie schreibe ich über Mitbringsel, ein kleines Krokodil, das aus Perlen gemacht ist. Es wird zeitweise lebendig und kriecht an den Strand eines Badesees. Liegt in der Sonne zwischen sonnengegerbten alten Damen, die ganz selbstverständlich ihre Flasche mit Tiroler Nussöl an das Krokodil weiterreichen.

Einige Wochen lang habe ich eine Geschichte im Kopf gehabt über einen Schüler, der aus Langeweile eine Bombe bastelt, dann ein schlechtes Gewissen hat und sie nun heimlich in der Großbaustelle vor dem Bad Homburger Bahnhof (da war eine Zeit lang der ganze Vorplatz aufgerissen) entsorgen will. Ich habe sie aufgeschrieben und dann nochmal überarbeitet. Jemand hat sie sogar gelesen und war so merkwürdig nett, das ich mir dachte, das war eher nix.

Die Geschichten im Tanz

Im Butoh werden manchmal Bilder getanzt: Ich werde von einem Körper, der in eine Wand eingemauert ist zu einem Insekt, das nach und nach zerfällt und seine eigenen Gliedmaßen einsammelt und dann auf einem Stück Papier tanzt und dann zu einer Person wird, die bei der kleinsten Berührung zu Staub zerfällt.

Der Körper erzählt diese Geschichte und jedes Mal, wenn ich sie tanze, ist sie anders: Mal schrumpft der Körper, um sich aus der Wand zu befreien. Das Insekt hüllt sich in eine Membran, in der alle Ärmchen, Beinchen, die Facettenaugen und der Kopf durcheinander purzeln. Nicht schlimm. Die zerbrechliche Person ist wie eine Feder und wird von einem leichten Windhauch getragen, euphorisch, dass sie noch einen Augenblick hat, bevor sie zu Staub wird.

Der Butoh-Tanz liebt Verwandlungen (nicht nur in Insekten). Der Körper kann sich im Tanz verwandeln. Wie wird man von einer Handvoll Tischtennisbälle zu einer wuchernden Pflanze?

Es beginnt in einer verlassenen Gartenhütte, in der auf einem klapprigen Regal eine Kiste mit alten Spielsachen steht: Sandförmchen, Tischtennis- und Federbälle, ein verwitterter Gartenzwerg. Im gleichen Regal ein paar Tüten mit Saatgut. Dann gibt eine Erschütterung – ist es ein Erdbeben oder ein Endzeitszenario mit Atombombe? – und die Tischtennisbälle fliegen durch die Hütte, während sich das Saatgut verstreut. Alles vermischt sich, verwächst miteinander.

So ein Buch könnte ich (nicht) schreiben

Es müsste schon so eine Geschichte sein, um ein Buch zu schreiben. Ich mag surreale Geschichten, die nur deswegen entstehen, weil ich sie aufschreibe. Wenn ich schreibe „ich bin unsichtbar“, bin ich kurz unsichtbar. Zum Beispiel wenn die Drehtür einfach stehenbleibt, obwohl ich noch drin bin oder wenn in der Damentoilette im Büro der Lichtsensor nicht auslöst, wenn ich reinkomme oder diese klappe beim Betreten des Supermarkts nicht aufschwingt, wenn ich davor stehe.

Ich liebe das auch bei anderen Autorinnen. Wenn bei Helene Bockhorst die Hochstaplerin auf einmal doch mit einem Tier sprechen kann. Wenn Christiane Rösinger im Buch von Stefanie Sargnagel auf einem fliegenden Pelikan reitet.

Aber ich schreib ja kein Buch. Jetzt jedenfalls noch nicht.


„Einmal ein Buch schreiben, ist für viele Menschen ein Traum.“ so beginnt Stephanies Aufruf zur Blogparade Ich schreibe (ein Buch) , weil … Aber bei mir ist das nicht so. Ich wollte Wahrsagerin werden oder Vampir. Nicht Schriftstellerin.

Nur manchmal bahnen sich Geschichten ihren Weg aus meinem Kopf und werden dann entweder aufgeschrieben oder getanzt.


Kommentare

Eine Antwort zu „Ich schreibe (k)ein Buch, weil …“

  1. Also ich würde es lesen 😉 Liebe Grüße, Angela

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