Das habe ich (zu) lange geglaubt

Der Text ist in der Blognacht von Anna Koschinski entstanden. Hier meine Gedanken zum Impuls des Abends „Das habe ich (zu) lange geglaubt“. Und eine Leseliste für den Sommer.

Die Sängerin Christiane Rösinger bezeichnet sich selbst als „Desillusionistin“. Dieses Wort bleibt hängen. Desillusionistin. Es ist ein Gegenteil-Wort. Das Gegenteil des Illusionisten.

Der Illusionist nutzt Ablenkungsmanöver, optische Täuschungen oder versteckte Mechanismen in der Bühnentechnik, um dafür zu sorgen, dass man das Wesentliche nicht wahrnimmt, im falschen Moment in die falsche Richtung schaut oder die Augen schließt. In seiner Show sollst du an etwas glauben, das gar nicht da ist. Zauberei, it’s magic!

Die Desillusionistin schaltet das große Licht an

Und was macht die Desillusionistin? Sie schaltet erstmal das große Licht an. Sie schiebt den Vorhang beiseite und lenkt unsere ganze Aufmerksamkeit auf diesen einen Punkt. Sie sagt „Schau genau hin!“ Das, was wir zu sehen geglaubt haben, ist gar nicht vorhanden. Stattdessen ist da nur ein doppelter Boden, ein blanker Spiegel ein paar Fäden und vielleicht eine Nebelmaschine.

Christiane Rösinger tröstet einen mit ihrer Musik. Die Illusion ist zwar weg, aber die Musik ist noch da und ihre Stimme und die Welt, ja die Welt ist auch noch da. Wenn Sie singt „Wer geht putzen und wer wird Millionär?“ braucht man keine Antwortoptionen A bis D. Man kennt die Antwort schon.

Zauberformeln des Kapitalismus

Man hat immer eine vage Ahnung von Benachteiligungen und Privilegien. Man lässt sich den Blick aber ganz gerne vernebeln und lauscht Zauberwörtern wie Eigenverantwortung, Leistung und harter Arbeit. Daran habe ich – ohne es mir einzugestehen – wohl zu lange geglaubt. Denn unsere Gesellschaft glaubt an diese magische Mischung aus protestantischer Arbeitsethik, Kapitalismus und einem Hauch Patriachat.


Eine kleine Leseliste

Nadia Shehade, „Anti-Girlboss. Den Kapitalismus vom Sofa aus bekämpfen.“ Ullstein Buchverlage, 2023

Paula Irmschler, „Alles immer wegen Damals“, dtv Verlagsgesellschaft, 2024

Ella Carina Werner, „Man kann auch ohne Kinder keine Karriere machen“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2023.

Guilia Becker, „Das Leben ist eins der Härtesten“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2020.


Die Blognacht findet einmal im Monat statt und ich bin zum ersten Mal dabei. Anna Koschinski ist eine liebenswerte Online-Gastgeberin und bereitet eine Atmosphäre, in der man sich aufgehoben fühlt und ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Für diesen Text habe ich von zwei Personen, die ich sehr schätze, Lob und Anerkennung erhalten.

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