Tina Bräutigam ist interkulturelle Trainerin, Prozessbegleiterin für Interkulturelle Öffnung und Diversity Management und Dozentin für Deutsch als Fremdsprache sowie Integration. Im Beyond Coffee Interview spricht sie darüber, wie interkulturelle Kompetenz Assistenzen im Arbeitsalltag weiterbringt.
Tina Bräutigam und ich haben uns letztes Jahr bei einem Networking-Event für Assistenzen kennengelernt. Wir stellten schnell fest, dass wir beide mal den gleichen Job hatten –tatsächlich war Tina meine Vor-Vorgängerin in einer früheren Position.
Heute ist sie als interkulturelle Trainerin selbstständig und bietet unter anderem Trainings für Assistenzen an. Ich freue mich sehr, dass sie sich Zeit für ein Beyond-Coffee-Interview genommen hat. Dabei haben wir auch über Tinas Herzensthema, die Willkommenskultur in Deutschland, gesprochen.
Aha-Erlebnis beim Firmenevent
Zu Beginn des Interviews erzählt mir Tina von ihrem persönlichen Aha-Erlebnis. Damals war sie als Assistentin für einen internationalen Verband tätig. Die Hauptversammlung fand in Madrid statt und wurde von Deutschland aus organisiert. Tina war für die Planung der Gala zuständig und war daher am Tag des Galaabends vor Ort. Der Einlass war für 19:30 Uhr angekündigt, der Beginn der Ansprachen für 20:00 Uhr. Alles war genau durchgetaktet.
“Doch als wir an den Veranstaltungsort kamen, sahen wir, dass die Bühne auf der falschen Seite des Saals aufgebaut worden war. Es musste alles umgebaut werden. Den Saal pünktlich zu öffnen, war unmöglich. Es war wirklich krass, riesige Aufregung und totales Chaos!“
Wie kann ein interkulturelles Training in dieser Situation helfen? Was ist überhaupt interkulturelle Kompetenz? Und was ist Kultur?
Der Begriff Kultur wird in ganz vielen Zusammenhängen verwendet (Nationalkultur, Unternehmenskultur, Esskultur usw.). Für Tina ist Kultur vor allem eine Sichtweise auf die Welt, die Menschen miteinander teilen.
Interkulturelle Kommunikation bedeutet demnach, zwischen verschiedenen kulturellen Perspektiven zu vermitteln.
Drei Säulen interkultureller Kompetenz
Tina erklärt, dass es in ihren Kursen hauptsächlich um interkulturelle Kompetenzen geht. Die drei wichtigsten Säulen:
- kognitiv – faktisches Wissen über andere Kulturen aufbauen
- affektiv – z.B. Offenheit, Neugier, Empathie und über ein klares Selbstbild der eigenen Werte und Verhaltensweisen verfügen
- verhaltensbasiert – d.h. passende Handlungsstrategien entwickeln
Wer sich mit einem neuen Markt oder einem anderen Land beschäftigt, baut zunächst Wissen über das Land und dessen kulturelle Besonderheiten auf. Wie ist die politische Situation? Was ist da gesellschaftlich gerade los? Welche Religionen gibt es dort? Um wirklich kultursensibel zu sein, muss man sich laut Tina aber auch mit sich selbst und der eigenen Kultur beschäftigen.
“Bevor ich mich mit den Werten anderer auseinandersetze, muss ich meine eigenen Werte kennen. Was macht mich als Person aus? Ambiguitätstoleranz, also die Offenheit für andere Perspektiven, ohne das Gegenüber verändern zu wollen, ist dabei eine grundlegende Kompetenz.”
Der verhaltensbasierte Teil der interkulturellen Kompetenz, also das, was du tust, entwickelt sich laut Tina vor allem durch interkulturelle Begegnungen.
“Welche Strategien kann ich entwickeln, wenn ich merke, dass es in der Zusammenarbeit irgendwie schwierig wird? Diese Strategien helfen dir, auch in interkulturellen Settings gut und souverän zu arbeiten.”
Tina beschreibt verschiedene Schlüsselbereiche, in denen Kultur dafür sorgt, dass Situationen unterschiedlich bewertet werden.
Andere Kulturen, anderes Zeitverständnis
Ein typischer Schlüsselbereich ist das Zeitverständnis. Die deutsche Kultur orientiert sich an Uhrzeiten, Terminkalendern und genauen Abläufen. Das ist übrigens eine Besonderheit des deutschsprachigen Raums: Fast der komplette Rest der Welt geht mit der Zeit flexibler um als Deutschland und die Schweiz.
Zurück zu Tinas Erlebnis mit der Gala in Madrid. Als sie vor den Saal trat, um die Probleme mit dem Raum zu erklären und sich für die Verspätung zu entschuldigen, waren viele Gäste noch gar nicht da!
“Niemand hat überhaupt gemerkt, was los war! Die Situation wurde von den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich beurteilt. Das war für mich ein Aha-Effekt, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.“
Was aus deutscher Sicht eine kleine Katastrophe gewesen wäre, war in Spanien unproblematisch. Die Tür zur Gala öffnete sich zwanzig Minuten später und alle waren froh, dass noch etwas Zeit zum Ankommen, für Drinks und Networking geblieben war.
Tina wurde klar, dass es nicht die eine richtige Perspektive gibt, sondern dass unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen. In diesem Beispiel hat das ganz viel Druck aus der Situation genommen.
„Ich habe gelernt, dass ich diesen Schritt zurück machen darf. Es passiert überhaupt nichts Schlimmes. Ich konnte durchatmen, vor der Tür gab es einen entspannten Empfang und alle waren zufrieden.“
Hier kannst du bereits erahnen, wie wertvoll es ist, verschiedene Kulturen in einem Team zu haben. Durch die unterschiedlichen Blickwinkel auf eine Situation, ein Thema oder eine Problemstellung ergeben sich viele neue Lösungsansätze.
Die Herausforderung dabei ist jedoch, dass viele Perspektiven auch viel Reibungsfläche bieten. Deshalb ist es sehr wichtig, Menschen im Team zu haben, die sich dessen bewusst sind und Brücken zwischen den verschiedenen Kulturen bauen können.
Auch Gespräche sind Kultur
Neben dem Zeitgefühl sind auch unsere Gesprächsrhythmen kulturell geprägt. Wenn man das nicht weiß, kann es zu Irritationen kommen. Tina hat im Interview verschiedene Gesprächsstile vorgestellt.
“Wir beide sprechen jetzt im Anglo-Saxon-Style miteinander: Wir lassen die Andere aussprechen, machen Bestätigungslaute (mmh, aha, ja) und signalisieren damit, dass wir etwas verstanden haben. Wir entschuldigen uns, falls wir jemanden unterbrechen usw.”
Dem Gesprächsrhythmus sind auch immer bestimmte Werte wie Höflichkeit, Respekt, Aufmerksamkeit und Auffassungsvermögen verbunden. Wir bewerten unsere Gesprächspartner anhand ihres Gesprächsstils. In anderen Kulturen haben Gespräche jedoch ein anderes Tempo.
“Beim Latin Style ist es ganz üblich, dass du überlappend sprichst. Ich habe in Spanien gelebt und gearbeitet. Dort ist es ganz normal, wenn jemand begeistert von einem Thema berichtet, voll ins Gesagte rein zu sprechen. Das ist total irritierend, wenn man das nicht kennt.”
Das ist übrigens in beide Richtungen so. Tina erzählt, dass sich bei einem Impulsabend der International Management Assistants (IMA) eine Teilnehmerin mit der Frage meldete, warum die deutschen Geschäftspartner immer nur warteten und nie so richtig ins Gespräch einstiegen. Sie wertete diesen Gesprächsstil, der bei uns als höflich gilt, als ein Zeichen von Desinteresse.
Kommt dann noch der Asian Style ins Spiel, bei dem lange Gesprächspausen üblich sind, um zu zeigen, dass man respektvoll über das Gehörte nachdenkt, bevor man antwortet, ist die Verwirrung perfekt.
“Sobald du weißt, dass es verschiedene Gesprächsrhythmen gibt, kannst du viel besser damit umgehen. Es ist nicht mehr irritierend, sondern anders. Und mit anders kannst du viel besser umgehen, denn du bewertest nicht mehr. Das macht interkulturelle Kompetenz aus.”
Tina betont, dass nicht jede Irritation oder jeder Konflikt im internationalen Kontext stattfinden, gleich ein Kulturkonflikt sein muss. Es kann auch einfach daran liegen, dass jemand einen schlechten Tag hat.
“Aber manchmal hast du dieses Störgefühl, bei dem du gar nicht so richtig benennen kannst, warum du irritiert bist. Hier kannst du mal genauer hinschauen oder das Gespräch suchen. Wir haben alle genug Ressourcen, um einen gemeinsamen Nenner zu finden, auf dem wir gut zusammenarbeiten können.”
Assistenz als Drehkreuz der Kulturen
Wer als Assistenz interkulturelle Kompetenzen aufbaut, kann in der Zusammenarbeit richtig viel bewegen. Das beginnt schon bei der sensiblen Planung virtueller Team-Meetings.
„Zu welchen Zeiten setze ich das Meeting an? Haue ich den Kolleg:innen im Ausland den Termin voll in die Mittagspause? Sind es immer die gleichen, die sich zu Randzeiten um 6:00 Uhr oder 22:00 Uhr nochmal einwählen müssen? Wer sich damit auseinandersetzt, kann flexiblere und bessere Lösungen für das Team finden.“
Kultursensible Planung sorgt in diesem Fall für mehr Fairness und für gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Doch kulturelle Kompetenz geht noch weiter. Zum Beispiel, wenn es darum geht, neue Geschäftsbeziehungen aufzubauen.
Die wenigsten Kulturen sind so faktenbasiert wie die deutsche. In deutschen Unternehmen tendiert man dazu, direkt mit einem Meeting zu starten, in dem sich das Unternehmen auf der Sachebene mit Zahlen und Daten vorstellt.
Doch der Austausch mit anderen Kulturen beginnt immer auf der persönlichen Ebene. Hier gilt es, viel Zeit für das gegenseitige Kennenlernen einzuräumen, und zwar ganz losgelöst von irgendwelchen Tagesordnungspunkten.
„Wenn ich weiß, dass die Kultur meines potenziellen Kunden beziehungsorientiert ist, würde ich niemals direkt mit dem Meeting anfangen. Stattdessen würde ich am Vorabend ein nettes gemeinsames Essen arrangieren oder einen gegenseitigen Besuch, um die persönliche Ebene wirklich abzudecken. Das ist eine Investition, die sich später auszahlt.“
Es liegt also ganz im Interesse des Unternehmens, dass die Mitarbeitenden interkulturelle Kompetenz aufbauen und sich weiterbilden. Globalisierung ist ein Megatrend und das Navigieren und Vermitteln zwischen unterschiedlichen Kulturen ist eine enorm wichtige Kompetenz.
Es gibt viele gute Argumente mit denen du deine Führungskraft davon überzeugen kannst, dass du ein interkulturelles Training besuchen solltest.
Es geht keinesfalls nur darum, sich über Fettnäpfchen zu informieren. Nach einem interkulturellen Training bist du optimal für die Zusammenarbeit mit verschiedenen Kulturen aufgestellt – ob im Team, mit Kundinnen und Kunden oder anderen Stakeholdern. Du kannst dein Wissen als Multiplikatorin ins Unternehmen einbringen und so dazu beitragen, dass die Firma für ausländische Fachkräfte attraktiver wird.
Für Tina ist klar, dass Assistenzen eine Drehkreuz-Funktion haben. Sie sind nach außen hin für alle sichtbar und repräsentieren das Unternehmen. Nach innen wirken sie als Multiplikatorinnen. Als Kulturbotschafterin für das Unternehmen zu fungieren, ist daher nur eine logische Erweiterung ihres Tätigkeitsfelds.
Interkulturelle Zusammenarbeit – 3 Quellen
Wenn du dich weiter mit dem Thema beschäftigen möchtest, empfiehlt Tina die folgenden Bücher und Studien.
- „Was wir von anderen Kulturen lernen können“ von Prof. Gundula Gwenn Hiller zeigt kleinen Besonderheiten, die man sich von anderen Kulturen abschauen kann.
- „The Culture Map“ von Erin Meyer erklärt Schlüsselbereiche der interkulturellen Arbeit.
- McKinsey Studie „Erfolgsfaktor kulturelle Diversität und faire Teilhabe“ zeigt, wie positiv sich kulturelle Diversität auf den Unternehmenserfolg auswirkt.
Interkulturell vernetzt – 3 Möglichkeiten aktiv zu werden
Wenn du aktiv werden möchtest, musst du nicht auf eine Freigabe deines Arbeitgebers warten. Es gibt viele Möglichkeiten, sich privat interkulturell zu engagieren:
- Engagiere dich in Netzwerkverbänden wie den International Management Assistants (IMA) und tritt in Austausch mit Assistenzen weltweit.
- Besuche Sprach- und Kulturcafés. Oft werden sie von Volkshochschulen, Städten oder Institutionen wie dem Goethe-Institut angeboten. Dort triffst du auf hochengagierte Menschen, die dringend den Austausch mit Muttersprachlern suchen.
- Starte ein Sprachtandem oder übernimm eine persönliche Patenschaft. Du hilfst beim Deutschlernen und beim Ankommen in Deutschland. Im Gegenzug erfährst du unheimlich viel über andere Kulturen und deren Perspektiven.
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Wenn du dich mit Tina zum Thema vernetzen möchtest, kannst du sie über LinkedIn oder über ihre Homepage kontaktieren.
Du möchtest mehr über Tinas Kurse für Assistenzen erfahren? Dann schau auf der Themenseite der Haufe Akademie vorbei.
Fotocredit: Sarah Hohmann Fotografie, Offenbach
Auch mich erreichst du über LinkedIn oder du kannst mir eine E-Mail an astrid@kaffeekochen-war-gestern.de schicken.

Vielleicht hast du auch ein Thema, über das du im Interview berichten möchtest? Ich freue mich auf den Austausch zu deinen Themen aus der Assistenz.
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