Bibliotheken sind Orte, an denen man Bücher ausleihen kann, na klar! Aber sie sind auch öffentliche Räume ohne Konsumzwang. In diesem Beitrag teile ich mit dir, wie ich eine Bibliothek nutze, obwohl ich keinen Ausweis habe und die Sprache nicht beherrsche.
Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, kurz OBA, liegt gleich neben dem Amsterdamer Hauptbahnhof. Für mich als müde Touristin war sie eine echte Erholungsoase und gleichzeitig auch ein vertrauter Ort in einer fremden Umgebung.
Bisschen mehr als eine Bücherei
Als bekennender Bücherwurm stand die OBA natürlich auf meiner Sehenswürdigkeiten-Liste, weil die Architektur so besonders ist und auch die Vielfalt des Angebots.
Sieben Stockwerke voller Bücher, Computer, Arbeits- und Lernplätze. Außerdem gibt es zwei Radiostationen, eine komplette Tagungsetage, ein Lesecafé und ein Restaurant mit Dachterrasse. Ganz nebenbei gibt es auch ein Theater mit 300 Plätzen.
Die OBA ist sieben Tage die Woche von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Es sind 300 Mitarbeiter:innen dort beschäftigt. Mehr Zahlen, Daten, Fakten hat Wikipedia.

Die Fassade der OBA erinnert an ein aufgeschlagenes Buch. Eine Rolltreppe führt durch das gesamte Gebäude. Alle Räume sind hell, da es große Bullaugen-Oberlichter und sehr gut konzipierte Beleuchtung gibt. Die OBA ist sehr abwechslungsreich gestaltet, kein Stockwerk gleicht dem anderen. Trotzdem passt alles zusammen.
Öffentlicher Raum – aber in schön
Ich war ganz begeistert von der Vielfalt der Leseplätze. Das beginnt im Foyer, wo man mt einem Buch auf großen Polstern lümmeln kann (oder gemütlich auf die Lieblingsleseratte warten). In der Kinderbibliothek gibt es kleine Lese-Verstecke und Aussichtspunkte. Vor dem Lesecafé befinden sich Amphietheaterstufen für größere Gruppen. Die Empore darunter ist gesäumt von Computerplätzen.

Es gibt auch kleine Einzel-Tanks mit Bullauge und Lärmschutz für das konzentrierte Lesen ohne Ablenkung. Weiter oben befindet sich ein klassischer Lesesaal: Die Tische sind mit grünem Filz bespannt und werden von einem Leseeulen-Mosaik bewacht. Es gibt Begrünung, die auch mal von der Decke hängt und überall die passende Beleuchtung.



Braucht man Hängegärten in einer Bücherei? Was nutzt mir das Mosaikglas beim Lernen? Ist das nicht entsetzlich teuer?
Ich finde, dieses attraktive Konzept macht einen großen Unterschied. Die OBA hat kaum Hemmschwellen – man kann einfach hineinlaufen und das den ganzen Tag lang. Es geht nicht nur um Wissen und ums Lernen. Büchereien wie diese wirken einfach beruhigend.
Viele öffentliche Räume sind Durchgangsstationen, die eine Aura von Geschäftigkeit, Suche oder Wartezeit ausstrahlen. Die OBA ist hingegen ein Ort, an dem man Zeit verbringen darf und möchte. Hier ist ein öffentlicher Raum, der Ruhe und Entspannung bietet.
Die OBA vermittelt allen, die dort sind, gute Gefühle: Wertschätzung, Glanz und Freude.
Anlaufpunkt in einer fremden Stadt
Es gibt viele Gründe, warum eine Bücherei eine gute Anlaufstelle in einer fremden Stadt ist. Angefangen bei den Kleinigkeiten: Während meiner Woche in Amsterdam war ich zweimal in der OBA. Am Tag der Anreise, weil ich unbedingt einen Kaffee brauchte, und am Tag der Abreise, weil ich nicht aufs Sanifair-Klo im Bahnhof gehen wollte.
Danach konnte ich einfach dort verweilen. Denn selbst ohne Leihausweis und ohne Sprachkenntnisse konnte ich in der OBA viel erleben.

Als ich dort war, gab es eine Bücherausstellung zum 750-jährigen Stadtjubiläum. Passend dazu waren illustrierte Bücher aus unterschiedlichen Zeiten ausgestellt. Ein Schwerpunkt war der Amsterdamer Zoo.


In den Schaukästen gegenüber wurden neue Bildbände über die Stadtentwicklung von Downtown L. A. gezeigt. Eine sehr gute Ausstellung ganz ohne Eintrittsgeld.
So ein Zeitvertreib ist unbezahlbar. Vor allem, wenn es zuhause (oder im Hotelzimmer) langweilig oder bedrückend ist. Ein sicherer Ort, für die, die gerade nicht nachhause gehen wollen. Außerdem eine bereichernde Unternehmung allein oder mit Freunden, auch wenn die Kasse leer ist.
Dabei sein und so sein, wie alle anderen
Hatte ich erwähnt, wie schön diese Bücherei gestaltet ist? Du sitzt nicht in der staubigen Bib, sondern in einem schicken Café mit einer riesigen Zeitschriften-Auswahl und Blick auf die Züge. Nur musst du nichts bestellen. Du kannst sogar dein Essen mitbringen und auf der Dachterasse mit Blick über die Stadt zu Mittag essen.


Ich war so dankbar, dass ich am ersten Tag und nach der langen Zugfahrt nicht noch nach einem passenden Café suchen musste. Dort lagen Rabattcodes für Museen und das Stadtmagazin aus (selbst wenn die Artikel für mich zu schwer sind, die Event-Tabelle zur Pride Parade verstehe ich auch so).

Beim Blick von der Dachterrasse war der Ankunftsstress auch gleich vergessen – so viel zu sehen und entdecken.
Büchereien sind nicht nur Räume, in denen alle Bücher und Wissen miteinander teilen. Sie ermöglichen allen gesellschaftliche Teilhabe.
Anna hat mit dem Impuls zur 59. Blognacht bei mir gepunktet, denn wenn ich etwas für eine richtig, richtig gute Sache halte, dann sind es geteilte Ideen, Bücher und öffentliche Räume wie die OBA. Über dritte Orte und Teilhabe habe ich schonmal geschrieben, nämlich hier.
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