Zwar nicht im Frankfurter Osten, aber auch ein interessantes Denkmal der Industriekultur ist die Dondorf Druckerei in Frankfurt Bockenheim. Das Gebäude wird im Moment als Übergangsstandort für die Schirn Kunsthalle genutzt.
Nach dem Bildungsurlaub zur Industriekultur im Frankfurter Osten habe ich ein paar neue Ausflugsziele auf meinem Wunschzettel. Eines davon habe ich im Dezember besucht: Die Druckerei Dondorf hinter dem Bockenheimer Depot.
Im Moment wird das Gebäude aus dem Jahr 1873 als Übergangsstandort der Schirn Kunsthalle genutzt. Jetzt ist die Schirn also direkt neben dem alten Campus, der Unibibliothek und dem Bockenheimer Depot an der Bockenheimer Warte angesiedelt und extrem gut ausgeschildert.

Ich war im Dezember beim After-Work-Treffen des Frauennetzwerks meines Arbeitgebers und wir haben uns gemeinsam die Ausstellung mit den Werken von Suzanne Duchamps angesehen. Diese Ausstellung war die weltweit erste umfassende Einzelausstellung für diese Künstlerin mit 50 Jahren Schaffensperiode.
Ausstellung Suzanne Duchamps
Äh Moment, Duchamps? Wie der Typ von den Ready-Mades? Ganz genau. Suzanne war die Schwester von Marcel Duchamps und ebenfalls bildende Künstlerin. Wie ihr Bruder war sie ein wichtiger Teil der DADA-Bewegung. Ihre dadaistischen Werke beschäftigten sich mit der Industrialisierung, der damit einhergehenden Veränderung der Städte, dem ersten Weltkrieg und der damit verbundenen Aufrüstung.
Die Ausstellung war eine umfassende Werkschau, Duchamps wichtige Beiträge zum Dadaismus wie das Bild Multiplication brisée et rétablie oder Ariette d’oubli de la chapelle étourdie. Letzteres wird meistens im Hinblick auf das Werk ihres Ehemann Jean Crotti (ebenfalls ein wichtiger Dada-Künstler, der im Bild gezeigt wird) interpretiert. Ich sehe da aber durchaus anderes auf dem Bild.
Suzanne Duchamps entwickelte ganz unterschiedliche Techniken und war – wie alle Dadaisten – eine Pionierin, die mit Schrift, Collagen und auch Installationen experimentierte. Ihre Werke haben den Dadaismus geprägt und sind Teil wichtiger internationaler Sammlungen. Bis zu dieser interessanten Einzelausstellung hat es jedoch über 100 Jahre gedauert.


Suzanne Duchamps entwickelte sich künstlerisch immer weiter. Auf meinen Fotos sieht man links die Fabrique de Joie von 1920 und rechts ein unbetiteltes Werk, das später entstand: Aus einer Reihe von Aquarellen die Strand, Meer und Gärten der Cote d’Azur zeigen.
Diese Ausstellung ist bemerkenswert, weil Suzanne Duchamps sonst immer als Teil des Dadaismus oder als Teil der Duchamps-Familie wahrgenommen wurde und nicht als für sich selbst stehende Künstlerin.
Geschichte der Druckerei B. Dondorf
Bevor ich zur Ausstellung gefahren bin, habe ich mich oberflächlich in die Geschichte der Druckerei Dondorf eingelesen.
Die Druckerei B. Dondorf war auf hochwertige Druckereiprodukte spezialisiert und war zunächst für die Produktion von Spielkarten, Lithografien und auch Banknoten bekannt. 1854 wurde eine Dampfmaschine angeschafft, Industrialisierung at it’s finest.


Einige Parallelen zur Geschichte der Naxos Union: Neueste Technik und ein florierendes Familienunternehmen mit hunderten Arbeitern, das vom Firmengründer Bernhard Dondorf an seine Söhne Carl und Paul weitergegeben wurde. Allerdings verkaufte die Familie 1928 die Druckerei aufgeteilt in verschiedene Bereiche und zog sich ganz aus dem Geschäft zurück..
Eine weitere Parallele: Die Familie Dondorf war jüdischer Herkunft. Die vier Töchter von Carl Dondorf wurden während des Nationalsozialismus verfolgt, Helene Dondorf wurde 1941 in das Ghetto Łódź verschleppt und ermordet. Die anderen drei Schwestern flohen nach London und New York, nur Marie Dondorf kehrte nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück. Nachlass und Lebenserinnerungen von Bernhard Dondorf kann man heute in der Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg finden.
Das Gebäude, in dem sich die Schirn zur Zeit befindet, wurde 1928 an die Union Druckerei verkauft, die dort die sozialdemokratische Tageszeitung „Volksstimme“ druckte. Bleibt zu sagen, dass die Volksstimme 1933 verboten und die Union Druckerei aufgelöst wurde. Große Teile des Gebäudes wurden 1944 bei einem Luftangriff zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut und ab 1961 von der Goethe Universität genutzt.
Erhalt der Druckerei durch Dach-Besetzung
Umfassende Informationen darüber, wie die Druckerei für die Nutzung als Ausstellungsort umgerüstet wurde, bietet die Webseite der Schirn. Aber das ist gar nicht der spannende Teil der Geschichte.
Die Universität nutzte das Gebäude als Standort für den Fachbereich Kunstpädagogik. 2023 war im Gespräch, das Gebäude größtenteils abreißen zu lassen, damit das Max-Planck Institut für empirische Ästhetik dort ein neues Gebäude bauen konnte.
Daraufhin bildete sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Druckerei. Vom 9. bis zum 19. Dezember 2023 besetzte das Kollektiv „die Druckerei“ das Dach des Gebäudes. Die Besetzung wurde durch ein Spezialeinsatzkommando der Polizei geräumt und sorgte für Schlagzeilen. Letztendlich wurde durch die Besetzung der Abriss verhindert und die Nutzung für die Schirn überhaupt erst ermöglicht.
Verurteilt wurden die Aktivisten 2025 dennoch, wie die Hessenschau berichtet. Eigentlich wollte ich hier nur kurz über das Gebäude und die Ausstellung schreiben, aber diese Story ist anders wild.


Für heute belasse ich es bei diesem langen Text zur Druckerei, doch werde ich mich bei nächster Gelegenheit noch weiter mit dem Thema Leerstand in Frankfurt beschäftigen: Hätte der Abriss wirklich weitere Gentrifizierung Bockenheims bedeutet? Unabhängig von dem geschichtlichen Wert des Gebäudes? Wie können wir an die Industriegeschichte erinnern, wenn es die Orte nicht mehr gibt? Wann lohnt es sich, sich für den Erhalte eines Gebäudes zu engagieren?

Schreibe einen Kommentar