Ein Blognacht-Text über Arbeitsmoral, unbezahlte Praktika und um die Dinge, die die KI wohl nie lernen wird.
Tom streicht einen Zaun. Eine Geschichte aus Tom Sawyers Abenteuern ist das erste, an das ich beim Impuls „frisch gestrichen“ denke. Das ist die Geschichte, bei der Tom den anderen Kindern weismacht, dass es
- ein großes Vergnügen ist, in der Hitze einen Zaun zu streichen und
- auch sehr viel Geschick dazu nötig ist – man muss sich nämlich als dieser Aufgabe würdig erweisen.
Am Ende bezahlen die anderen Kinder mit Tom sogar mit ihren kleinen Schätzen (mein Favorit ist das „Hundehalsband ohne Hund“), nur um auch ein bisschen anstreichen zu dürfen. So lässt es sich arbeiten.
Angeschmiert
Während und nach meinem Studium und auch noch einige Jahre danach gab es ein ähnliches Phänomen: Praktikumsplätze oder Praktika (uh, das ist Latein und klingt so wunderbar akademisch).
Das hieß, in den Semesterferien in einer richtigen Firma arbeiten, nur halt ohne Gehalt. Studenten „können“ ja sonst nach dem Studium gar nichts. Kein Praktikum? Kein Job. Niemals.
Statt schöne blaue Glasscherben oder einen angebissenen Apfel für dieses Arbeitserlebnis einzutauschen, mussten Bewerbungen frisiert und persönliche Kontakte präsentiert werden. Ganz logisch, woher soll die Firma denn sonst wissen, ob du geeignet bist, am Kopierer zu stehen, in der Poststelle auszuhelfen und Kaffee zu kochen?
Wer ein Praktikum gemacht hat, kann die Illusion dieser Berufserfahrung, ach was – dieses Meilensteins in der persönlichen Karriere – natürlich nicht zerstören.
„Nein, nein! Im Event-Praktikum musste ich nie sinnlos in der Tiefgarage irgendwelche Roll-Ups zusammenbauen, beim Check-In Namensschilder verteilen oder mich von meinem Chef anschnipsen lassen, weil er meinen Namen nicht wusste. Eigentlich habe ich ganz genau das gleiche gearbeitet, wie meine Chefin. Nur halt ohne Gehalt.“
Das setzt sich dann fort. Wer selbst viel Mühe in Praktika investiert hat, fordert sie später auch bei der Personalsuche ein. Netter Nebeneffekt: Diese Arbeitskräfte sind wunderbar anspruchslos, legen sich für ein Arbeitszeugnis richtig ins Zeug.
Streichposten
Heute braucht niemand mehr Praktikant:innen. Macht jetzt alles die KI: Excellisten gar nicht mal so gut bearbeiten. Schlampige Internetrecherchen ohne Quellenangaben abliefern. E-Mails voller Floskeln schreiben. Immerhin.
Für die KI bleibt aber Kaffeekochen graue Theorie und KI hat auch noch nie Material für die nächste Messe bruchsicher verpackt.
KI kennt das Konzept von einem Bürojob, aber weiß nicht, wie er sich anfühlt. Weiß trotz aller gesammelter Theorie aus dem Internet nicht, wie es ist, sich zum ersten mal in einer merkwürdig banalen Bürosituation zu bewegen. Gruppendynamik lernen. Nicht peinlich auffallen lernen. Lernen, ein gutes von einem miserablen Arbeitsklima zu unterscheiden.
Die KI hat nie Büromaterial geklaut oder heimlich auf Klo geheult. KI hat auch nie geleugnet (trotzdem es allerlei Hinweise gab), etwas mit dem verschimmelten Kaffeefilter in der heiligen Kaffeemaschine der fiesen Chefin zu tun zu haben.
Macht das die KI jetzt zum besseren oder zum schlechteren unbezahlten Mitarbeiter?
In der Blognacht „six seven!“ geht es um frisch Gestrichenes: Wie so oft bei Annas Impulsen, lande ich mit kurzem Anlauf in der Vergangenheit, um dann nach und nach wieder in die Gegenwart zurückzukehren.
Bonus-Material: Ich hab mal wo gearbeitet, wo es eine extragroße Kaffeemaschine für eine 2,2 Liter-Pumpkannen gab. Ich habe dabei wirklich schon alles falsch gemacht. Kaffeepulver vergessen ist das geringste Problem – kommt einfach hellbraunes warmes Wasser aus der Pumpkanne. Kaffeefilter vergessen – mehr Sauerei, weil das Kaffeepulver direkt in die Pumpkanne läuft. Kaffeekanne vergessen, kurz die Küche verlassen – direkt Überschwemmung.

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