Im Programm der Nippon Connection 2026 war Kokuho der erste Film, für den ich Tickets besorgt habe, denn ich wollte mehr über das Kabuki-Theater erfahren. Erst auf den zweiten Blick habe ich gesehen, dass dieser Film fast drei Stunden dauert. Bereut habe ich nichts!
174 Minuten. Das habe ich erst gesehen, als es um die Planung des Abendessens am Festival-Samstag ging. Wird wohl nix mit gemütlicher Restaurantreservierung. Damit ich den Anschlussfilm schaffe, bleibt es beim schnellen Imbiss am Turm. Gesehen habe ich den Film im Eldorado-Kino und zwar vom Balkon aus.
„Kokuho“ bedeutet so viel wie „lebender nationaler Schatz“ und ist ein Titel, der besonderen Kabuki-Künstlern verliehen wird. Der Film erzählt die Geschichte des Kabuki-Theaters und einer Familiendynastie von Kabuki-Meistern über eine Zeitspanne von 50 Jahren, beginnend an Neujahr 1964.
Es geht los als Yakuza-Film …
Wer meine Filmkritiken kennt, weiß, dass ich mich immer freue, wenn ich einen Yakuza-Film erwische. Kokuho beginnt in Nagasaki bei einer Neujahrsfeier eines Yakuza-Clans. Die Familie hat den Kabuki-Schauspieler Hanai Hanjiro II zu Gast und zum Spaß spielt der Sohn der Familie, Kikuo Tachibana, eine Rolle in einer Kabuki-Leihenaufführung. Noch am selben Abend wird die Familie von einer rivalisierenden Bande überfallen und Kikuo muss mit ansehen, wie sein Vater ermordet wird.
Der Junge plant, Rache zu nehmen, aber als sein Attentat auf die Mörder seines Vaters fehlschlägt, kann er nicht mehr in Nagasaki bleiben. So beschließt Hanjiro II, Kikuo aufzunehmen und wie seinen eigenen Sohn, Shunsuke, zum Kabuki-Schauspieler auszubilden. Fortan rivalisieren Kikuo und Shunsuke miteinander.
… doch behandelt existenzielle Fragen
Kikuo ist immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob Talent, Hingabe und Leidensfähigkeit allein reichen, um im Kabuki respektiert zu werden. Er fällt auf durch seine Yakuza-Tättowierung und spricht – im Spaß – davon, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, um der beste Kabuki-Schauspieler seiner Zeit zu werden.
Gleichzeitig hadert Shunsuke damit, ob er der rechtmäßige Erbe des Kabuki-Hauses ist, oder sein Vater Kikuo bevorzugt. Er wendet sich zwischenzeitlich vom Kabuki ab. Erst als Hanjiro II schwer erkrankt, wird er wieder auftreten.
All das erzählt der Film in perfekt gestalteten Bildern: Die Kostüme und die Szenerie sind wunderschön. Besonders hat mir gefallen, wie präziese die Bühnentechnik des Kabuki gezeigt wird. Die gezeigten Inszenierungen – also das Theater im Film – verliert dabei nichts an Faszination.
Der Film hat trotz knapp drei Stunden Dauer keinerlei Längen und ich würde ihn jederzeit erneut ansehen. Es ist auch gar nicht so unwahrscheinlich, dass der Film auch außerhalb der Nippon Connection gezeigt wird. Immerhin wurde das Drama für einen Oskar im Bereich Makeup und Frisuren nominiert und war in Japan ein großer Kinoerfolg.


Was ist Kabuki?
Da ich Butoh tanze, interessieren mich auch andere Formen des japanischen Tanzes. Kabuki ist mehr als Tanz, es ist eine Form des Theaters, dass es seit der Edo-Zeit gibt. Immer eng mit dem Nachtleben und Vergnügungsvierteln verbunden. Was einerseits die Nähe zu den Yakuza erklärt und andererseits, dass alle Rollen nur von Männern dargestellt werden. Heute gilt Kabuki als inmaterielles Weltkulturerbe.
Die weiße Schminke, die spezielle Art zu Laufen, ohne dass man einzelne Schritte erkennt, das langsame Erzählen – das sind Elemente, die es auch im Butoh gibt. Doch Butoh ist in seiner Form viel freier und experimenteller. Dass der Großmeister des Kabuki im Film durch Min Tanaka dargestellt wird, war eine schöne Überraschung und fühlt sich stimmig an.
Film: KOKUHO von Sang-il LEE, 174 Minuten. Premiere 2025 bei den Filmfestspielen von Cannes.

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