„Einfach“ weglassen

Bei #28TageContent wird das Thema „Einfach machen“ diskutiert. Den Spruch kennen wir alle. Er verspricht Leichtigkeit und schnell Ins-Tun-Kommen. Doch wenn es nach mir ginge, würde ich „einfach“ einfach streichen. Es ist wohl ein Rant.

Einfach mal machen, könnte ja gut werden!

Ein Satz. Eine Lebensphilosophie. Ein Wand-Tattoo.

Ich sehe sofort so Typen (Flo oder Max oder Kim) vor meinem inneren Auge. Bouldern mit den Bros. Ulkige T-Shirts zu Sakko und Smartwatch. Gemeinsam Papas olle Garage ausbauen. Start-Up gründen und Praktikant:innen überfordern. Einfach machen. Könnte ja gut (und wir schnell reich) werden.

Der Klebe-Schriftzug hängt in der Barista-Area neben der Müsli-Bar über dem staubigen Kickertisch; Die Farbe bleicht aus, ein paar Buchstaben blättern ab. Aber hey.

Was heißt hier einfach?

Ganz besonders stört mich an dem Spruch dieses „einfach“. Als wäre – egal, in welchem Kontext – alles immer easy und nix schwierig, solange man das richtige Mindset hat.

Start-Up Max mansplaint es dir schnell (oder einfach): „Hey, wenn du alle Hindernisse, Ängste und Abwägungen weglässt, ist alles doch total simpel. Ich weiß gar nicht, was dich bremst. Ob du etwas schaffst, bestimmst du ganz allein!“ Letzter Satz auch Wand-Tattoo-Kandidat, by the way.

Aber in Wirklichkeit gibt es Hindernisse und da sind auch echte Schwierigkeiten. Viele Dinge kann das Individuum nicht durch eine bestimmte Geisteshaltung beeinflussen. Dinge sind schwer umzusetzen. Dinge scheitern. Das alles wischt „Einfach mal machen!“ großzügig beiseite.

Sag nie, dass etwas einfach ist!

Ich finde es sinnvoller, das „einfach“ wegzulassen, als Hindernisse auszublenden. Auf „einfach“ zu verzichten – oh, jemand sollte es als „Einfach-Fasten“* verkaufen, im Rahmen von sieben Wochen ohne oder während der Rauhnächte wäre das Programm bestimmt der Renner – ist eine gute Strategie, vor allem, wenn es ums Lernen und um Motivation geht.

Während des Studiums hat mir eine schlaue Freundin, heute ist sie Mathelehrerin, etwas sehr Wichtiges mitgegeben, das ich seitdem oft beherzige: „Sag nie, dass etwas einfach ist! Damit machst du den Spaß am Lernen kaputt.“

Wenn mir jemand sagt, „Das ist doch ganz einfach!“ und ich trotzdem Probleme habe, es zu verstehen, bin ich frustriert. Ich kann offensichtlich nicht mal die einfachsten Sachen richtig machen. Und auch wenn ich etwas Neues schnell beherrsche und gut kann, hat das „einfach“ das Gelernte beschädigt. Was „ganz einfach“ ist, ist nix Besonderes. Keine große Leistung. Nicht weiter erwähnenswert.

Nicht nur einfach – sondern schlimmer!

„Einfach“ macht, je länger ich darüber nachdenke, umso mehr fällt es mir auf, praktisch alles schlimmer. Ich hab Beispiele:

  • Verhandle einfach ein höheres Gehalt.
  • Einfach mit dem Joggen anfangen.
  • Einfach den Zucker weglassen.
  • Trenn dich einfach.

Wären diese Sätze sogar empathischer ohne das „einfach“? Ich glaube ja. Denn dann wäre noch ein Gespräch möglich über das Für und Wider und auch über das Wie. Mit dem „einfach“ ist das Gespräch beendet. Wie soll ich XY schaffen? Egal, mach einfach!

Ein Experiment als Alternative

Mein Apell ist daher: Lieber mal das „Einfach“ weglassen. Aber Moment, schreib ich hier gerade, dass ich „einfach“ einfach weglasse? Das wär ja nicht besonders schlüssig. Es muss doch eine Alternative zu „einfach machen“ geben. Gibt es.

Etwas Neues ausprobieren.

Als Spiel aus Spaß. Als Experiment aus Neugierde. Als Testballon mit Leichtigkeit. Kleine Schritte setzen, die ganz genau beobachten. Erste Ergebnisse anschauen, nochmal darüber reflektieren und dann den nächsten Versuch starten.

Dranbleiben, damit es leichter wird.


Bei #28TageContent hat sich sich ein Seitenarm der Blognacht „Warum eigentlich nicht?“ entwickelt. Angestoßen durch Stephanie K. Braun alias kleiner Komet, mit ihrem Text zum Impuls „Einfach mal machen – ein nerviger Satz …“.

Stephanie findet für sich die Lösung in freudiger Experimentierlaune: „Die Idee des ‚einfach machen‘ ist für mich, etwas mit Leichtigkeit zu machen, ohne komplexe Denk- und Entscheidungsprozesse.“

Monika Meurer hat auf das Thema mit dem Text „Einfach mal machen?“ reagiert und schreibt: „[…] vielleicht hätte ich vor ein paar Jahren allen, die dies als Ratschlag erteilen, zugestimmt. Inzwischen denke ich etwas anders.“ Sie arbeitet heraus, dass eben nicht jede:r alles einfach kann und endet mit der spannenden Idee, sich gezielt mal ein paar Ablehnungen abzuholen.


*Bester Name: Easy Fast.

Kommentare

Eine Antwort zu „„Einfach“ weglassen“

  1. Bester Rant ever! Und beste Mathelehrerin.

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